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Allgemein

Ein großer Teil dieses Lernzettels basiert auf der MA-Arbeit “Der Heimatbegriff in Jenny Erpenbecks Heimsuchung” von Ann Solbjørg Holum Hansen. Diese wurde im Fach “deutsche Literatur” an der Universität Oslo im Mai 2017 verfasst. Aus Urheberrechtsgründen wird von einer Weiterverbreitung der Arbeit abgesehen.

Autor

  • Schriftstellerin als Bezug zu Erpenbecks Großmutter (jüdische Kommunistin und Autorin Hedda Zinnar)

  • Haus am See als Referenz auf Erpenbecks eigene Kindheit in der DDR

  • Erpenbeck thematisiert sowohl deutsche Geschichte als auch Gefühle von Heimatlosigkeit, Exil und Rückkehr, die alle zu ihrer eigenen Familienhistorie in Verbindung stehen

Zitate am Anfang;

  • “Dieweil der Tag lang und die Welt alt ist, / können viel Menschen an einem Platz stehn, / einer nach dem andern” (Marie in Woyzeck)

    • Vergänglichkeit des Menschseins (Motiv der Zeit)

  • “..., versprecht ihr mir, / Ihr Wälder meiner Jugend, wenn ich / Komme, die Ruhe noch einmal wieder?” (Friedrich Hölderlin)

    • Kindheit als Heimat, die jedoch vergeht und von der man sich lösen muss (Kinderfreund)

  • “Wenn das Haus fertig ist, kommt der Tod. / Arabisches Sprichwort“

    • Beschränkung des menschlichen Lebens auf Schaffen und Heimatsuche (Architekt, Großbauer)

Sprache und Stilmittel

  • Knappe, fragmentarische Kapitel mit Zeitsprüngen und Leerstellen

  • Wechsel der Erzählerperspektiven (v.a. der Fokalisierung)

  • Erzählerische Zurückhaltung: Wenig Pathos, oft trotz grafischer Darstellungen sehr neutrale Sprachwahl (verweist z.B. auch auf Sprachlosigkeit)

Figuren

Der Gärtner

  • Beständigkeit inmitten der sich verändernden Zeiten (”Vielleicht war er schon immer da”, Heimsuchung S.13, Kapitelstruktur ebenfalls als Hinweis)

  • Verkörperung des Ewigkeitsmotivs (wird sogar mit seiner Beständigkeit über die Natur gestellt)

  • Wird weder heimgesucht noch sucht er Heimat

  • Soziologische Perspektive

    • keine typischen Eigenschaften der Figuren (Namen, Sozialleben, Besitz)

    • Konstanz im Auftreten (ist auch in Südafrika beim Tuchfabrikanten)

    • Heimatlosigkeit unter den Menschen wird durch Sprachlosigkeit ausgedrückt, Natur als Heimat (er spricht z.B. mit Pflanzen)

    • Zwischenposition zwischen Natur und Gesellschaft

  • Religiöse Perspektive

    • Gärtner als Gottesfigur

    • Gärtner verfällt jedoch auf irdische Weise (Unfälle, Alterung)

    • Gärtner erlebt moralischen Verfall (stiftet Mädchen an, Gras auf das Haus des Arztes zu werfen), was als Hinweis auf eine Gut-Böse-Dichotomie gesehen werden kann

    • Verschwinden des Gärtners zu Ende kann auf einen Rückzug Gottes hindeuten

Der Großbesitzer

  • Feudale Machtstrukturen

  • Traditionsbewusstsein (Auflistung der Gepflogenheiten einer Heirat)

  • Weiße Strümpfe der Pferde als Symbol für Ehrgeiz, jene werden “bespritzt” (Ende der Familienlinie)

  • Patriarchat, Reichtum, soziales Prestige, materialistische Weltanschauung

  • Heimatbegriff

    • Verankerung, soziale Position, Sicherheit, Zugehörigkeit

    • Dichotomie Heimat-Fremde (Bekannte / Unbekannte)

    • Paradox: Sozialer Abstand von Dörflern, gleichzeitig Assimilation in ihre Bräuche

    • Heimat als Bestätigung seiner Hochmut

  • Heimsuchung

    • durch seine Vergangenheit, durch seine eigenen Taten

Die Töchter des Großbauern

  • Grete

    • Suche nach eigener Identität

  • Hedwig

    • Suche nach eigener Identität

  • Emma

    • feministische Kritik an patriarchalen Strukturen der Zeit (kann nur nicht Schulze werden weil sie kein Mann ist)

    • Abbild ihres Vaters

  • Klara

    • Suche nach eigener Identität

  • Negativer Heimatbegriff

    • Heimat als destruktive Kraft, die in der Entwicklung zurückhält

Der Architekt

  • Mitläufertum, Opportunismus (Assimilation an NS-Regime und DDR)

  • Scheinbare Neutralität, in Wahrheit Mitverantwortung (Profit durch Enteignung der Nachbarn)

  • Systemkritik am DDR-System

    • Unwissenheit der Bürger

    • Autoritäre Struktur des Staats (ihm droht Gefängnis wegen Schrauben aus dem Westen)

  • Heimatbegriff

    • Dualismus zwischen starken Wurzeln und Notwendigkeit zur Mobilität (Heimat kann zur Falle werden)

    • Fragilität und Zufälligkeit (arische Frage, die er anders als der Tuchfabrikant beantwortet)

    • Knüpfen von Heimat an emotionale Erinnerungsobjekte (Vergraben des Silberbestecks als Ausdruck für Identitätsschutz)

  • Philosophie: Bändigung der Natur, Einführen von Kultur (Haus als Bändigung der Natur), menschlicher Übermut mit Hinblick auf die Natur (”Werden aus Zinnkrügen Zinnkrüge wachsen?”)

Der Tuchfabrikant

  • Familentafel am Anfang mit Namen, um Opfer des Holocausts nicht zu vergessen und ihnen Namen zu geben

  • “Vertreibung ins Paradies”: Elisabeth spielt in Südafrika die “Vertreibung ins Paradies”, was einen biblischen Bezug herstellt und somit eine sichere Heimat als menschliches Paradies auf der Erde darstellt, während die Verbrechen der Nazis mit dem Sündenfall verglichen werden

  • Heimatbegriff

    • Heimat als eine Falle, als etwas Gefährliches, Sesshaftigkeit als etwas Verhängnisvolles (Eltern des Tuchfabrikanten fallen NS-Progrom zum Opfer, weil sie nicht auswandern wollen)

    • Sprache als Symbol von Heimat (Elisabeth versteht deutsche Wörter nicht, da sie in Südafrika “heimisch” ist)

    • Neue Heimatsuche laut Erpenbeck möglich, aber die Heimat der ersten 15 Jahre macht den tiefsten Eindruck

    • Heimat als Teil der Identität, Auswandern führt zu partiellem Identitätsverlust

    • Heimat als heile Welt

  • Symbole

    • Indischer Ozean (warm) vs. Atlantischer Ozean (kalt) → Sicherheit der neuen Heimat vs. Bedrohlichkeit der alten

    • Eukalyptusbäume → Sicherheit und Freiheit der neuen Heimat

    • Kerzen am Weihnachstbaum, die sich verbiegen → man kann die alte Heimat nicht wiederherstellen

    • Verantwortung für Heimat: Politische Verantwortung für die Herstellung einer Heimat (die z.B. die Möglichkeit zur Selbstwirksamkeit für alle Individuen bietet)

Die Frau des Architekten

  • Lachen als Leitmotiv der Figur (Lachen und Weinen wegen Dichotomie von Glück und Unglück in ihrem Leben)

  • Innerliche Zerrissenheit (Aktivität vs. Passivität)

  • Anpassung an Heimatvorstellung ihres Mannes führt zu großer Unzufriedenheit und Identitätsverlust

    • Kinderlosigkeit als innere Leere

    • Ambivalenz zwischen dem Wunsch nach einem aufregenden Leben und einer festen Heimat

  • Feministische Kritik: Frau muss sich im Leben ständig dem Willen von Männern (Vater, Ehemann) beugen (Berufswahl, Kinderlosigkeit)

  • Symbole

    • Vögelchen auf dem Balkongitter: Symbolisch für die Frau, die eigentlich frei sein und in die Welt hinausfliegen müsste

    • Telefon am Bett: Wunsch nach Kommunikation mit der Außenwelt

    • Gefärbtes Fensterglas: Ausdruck ihrer träumerischen Vorstellung von einer bunten Welt

    • Geheimes Schrankzimmer: Innerer Raum, wo sie ihre innersten Gedanken und Hoffnungen unterdrückt und geheim hält

Das Mädchen / Doris

  • Totaler Heimatverlust (räumlich, sozial und emotional)

  • Gradueller Identitätsverlust (Frage nach dem Selbst, Verlust von Heimat / Familie / Erinnerungen / Leben)

  • viele Parallelen im Heimatbegriff zum Tuchfabrikant

  • Religiöse Heimat verleibt als einzige (Roman “Sankt Gunther oder Heimatlos”)

  • Grundstück am See als Inbegriff der Sehnsucht (einzige Person, die das Haus am See verlässt)

  • Widmung an reale Doris Kaplan (historischer Bezug)

Der Rotarmist

  • Heimatlosigkeit (Familie wurde von deutschen Soldaten getötet…)

    • Frau des Architekten als Erinnerung an seine Mutter (Parallele zu Ödipus)

  • Kommentar zum Krieg

    • Krieg in Verbindung mit Heimat (Lebensraumerweiterung des NS-Regimes)

    • Krieg als indifferent (Universalität der Menschen auf beiden Seiten, Meinungslosigkeit des Krieges)

    • Verständnislosigkeit des Soldaten für den Krieg (Wieso sind die Deutschen nicht in Deutschland geblieben, da ist doch alles gut?)

Die Schriftstellerin

  • Symbole:

    • Kuckuck: Vermittlung der Geschichte durch das Schreiben als Weckruf

    • “I-c-h k-e-h-r-e h-e-i-m”: Wiederholung betont Antiheimat Deutschland

    • Schreibmaschine: Heimatsymbol, sowohl Funktion der Figur als auch ihre Identität

    • Berliner Arzt: Symbolisch für Kultur der Behörden in der DDR

    • Bienen (Bienenhaus, das vom Arzt abgerissen wird): Symbol einer idealen Gesellschaft, die bedroht ist (der Fakt, dass jemand aus dem Staat das Bienenhaus abreißt, zeigt, dass die Verantwortung für den Fall der DDR bei der fehlgeschlagenen Machtausübung der Behörden liegt)

  • Heimatbegriff:

    • Antiheimat: Deutschland wird als fremd und abstoßend empfunden (Widerwillen gegen Händedruck)

    • Verantwortung für Heimat: Individuelle Verantwortung für Heimat? (Schriftstellerin hat Schuldgefühle, rechtfertigt ihre Flucht und “Inaktivität”)

  • Systemkritik an der DDR als gescheiterten Versuch einer gerechten Gesellschaft

Die Besucherin

  • Heimatbegriff:

    • Heimat als Identität

    • “Besser war es allemal, fremd zu sein in der Fremde, und nicht im eigenen Haus” (Heimsuchung S. 129)

    • Heimat in mobiler Form (wird nicht räumlich gekennzeichnet, sondern durch z.B. Aktivitäten wie schwimmen)

    • Notwendigkeit, die räumliche Heimat zu verlassen und seine Identität nicht an materiellen Besitz oder Räumlichkeiten zu knüpfen

Die Unterpächter

  • Zeichen für Verhältnis von Mensch zu Natur: Mensch “pachtet” die Natur, das Verhältnis ist aber vergänglich

  • Heimatbegriff

    • Relativität der eigenen Heimatvorstellung (Familienverhältnisse der Unterpächterin, sie erfährt von ihrer eigentlichen Abstammung)

  • Symbole

    • Segeln: Bild der Unendlichkeit, Kritik an dem Wunsch nach Sesshaftigkeit und Verwurzelung

    • Schwimmen: Kritik an polizeistaatlichen Regelungen der DDR (Schwimmen an einer Stelle verboten, obwohl es doch im Schwimmbad erlaubt ist), symbolisiert gleichzeitig die Konstanz menschlichen Handelns unabhängig von politischen Systemen

Der Kinderfreund

  • Unterschiedliche Entwicklung von Menschen trotz ähnlicher Ausgangssituationen (er vs. seine Kinderfreundin)

  • Weiterlaufen der Zeit unabhängig von einzelnen Menschenleben (”Vielleicht gibt es das ewige Leben schon zu Lebzeiten, aber weil es anders aussieht, als man es sich erhofft, nämlich jenseits von dem, was geschehen ist, wie das alte, erkennt es nur niemand”, Heimsuchung S. 160)

  • Heimatbegriff:

    • Heimat auf die Kindheit beschränkt, kann sich trotz des Erwachsenwerdens nicht von seiner Kindheit lösen

    • auch hier wird die Notwendigkeit deutlich, sich von seiner Heimat lösen zu können

Die unberechtigte Eigenbesitzerin

  • Hält “Totenwache” über das Haus, räumt es auf (wie bei einer Totenwaschung)

  • Ebenfalls Wehmut über ihre schöne Kindheit, die sie jetzt negativ einholt (Nostalgie)

  • Abschließen / Abriss des Hauses bedeutet für sie Abschluss ihrer Kindheit

  • Heimatbegriff

    • “schönes Gefängnis”: Bindung an die Heimat durch Nostalgie als ambivalent (Geborgenheit vs. Stagnation)

Motive

Zeit (vier Ebenen)

  • Ewigkeit

    • theoretische Vorstellung, evtl. verkörpert durch göttlich-mythische Figur des Gärtners (wobei dieser auch dem menschlichen Verfall unterworfen ist)

  • Zeit der Natur

    • Konstanz der Natur wird oftmals betont (Der Garten, die Bäume, der See, siehe Prolog)

  • Dingezeit

    • Dinge als Symbole, die von verschiedenen Menschen genutzt werden

    • Dinge überdauern ihre Eigentümer (Das Haus, Das Silberbesteck)

  • Zeit der Menschen

    • Verschwinden vieler Figuren (Doris wird getötet, Architekt flieht, Tuchfabrikant flieht)

    • Vergleich der menschlichen Vergänglichkeit mit der Beständigkeit der Natur

    • Menschenleben als Mikrokosmos im Vergleich zum Makrokosmos der Natur, welches keinerlei Spuren hinterlassen kann (Doris)

Verfall

  • Verfall des Gartens als Symbol des moralischen Verfalls der Menschen (z.B. des Berliner Arztes, der seine Frau betrügt und evtl. sogar aus Eigennutz den Tod seines Nachbarn verursacht hat)

  • Verfall des Gärtners (Unfälle, Alterungsprozess, moralischer Verfall) als Andeutung der Dichotomie zwischen Gut und Böse

Beziehung von Mensch zu Natur

  • Natur als zwar vergängliche, aber doch den Menschen überdauernde Konstante (siehe Prolog)

  • Der Mensch “pachtet” die Natur bloß (siehe Unterpächter)

  • Die Natur wird symbolisch von dem moralischen Verfall des Menschen auch zum Verfall gebracht (Kartoffelkäfer, Früchtelosigkeit)

Heimat

  • Verschiedene Aspekte und Vorstellungen von Heimat werden mithilfe der Figuren behandelt

  • durchgängig zieht sich das Motiv der Heimatlosigkeit, die jedoch größtenteils positiv dargestellt wird

  • Tiefe, undynamische Verwurzelung an einen Ort wird vielen Figuren zum Verhängnis (Großbauer, Kinderfreund, Eltern des Tuchfabrikanten), während die Fähigkeit zu Aufbruch und Neuanfang generell positiv dargestellt wird (Tuchfabrikant, Besucherin)

Politische Kritik

  • Kritik am NS-Regime

    • Abwertung des Individuums wird ironisch kritisiert (z.B. durch sachlich-kalte Sprache beim Beschreiben der NS-Verbrechen und des Todes der alten Tuchfabrikanten)

  • Kritik an der DDR

    • Berliner Arzt als moralisch zutiefst verwerfliche Figur symbolisch für Behörden der DDR

  • Kritik am Einzelnen

    • Architekt als Verkörperung von Opportunismus (Befolgen von NS-Richtlinien und gleichzeitiges Ausnutzen der Ablehnung von Albert Speer in der DDR)

  • Feministische Kritik

    • Aufarbeitung der patriarchalen Strukturen vergangener Epochen (Großbauer, Frau des Architekten)

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